Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde "Zum Heiligen Kreuz" in Arpke
inhalt : willkommen : angebote : gemeindebrief 
position :  startbild /inhalt /mitte meines glaubens
Über die Mitte meines Glaubens
Frank Niemann 
 

Der Burgdorfer Künstler Hilko Schomerus hat ein Wandrelief gestaltet, mit dem er sich der Mitte des christlichen Glaubens nähert. Ich möchte Sie mitnehmen auf eine Entdeckungsreise durch die von ihm gestaltete Kreuzigungsszene.

Vom Gesamtbild aus starten wir durch insgesamt neun Seiten. Auf diesem Gang durch das Bild erfahren Sie einiges über die Grundlage dessen, worauf Christinnen und Christen und auch ich selbst vertrauen und woran wir glauben.

Es ist ein besonderes Kreuz, nicht ein schlichtes, einfaches Holzkreuz, sondern ein bewusst gestaltetes, ein symbolisches, das für mich Elemente seiner ursprünglichen Herkunft aufnimmt. Es bleibt nicht in der Vergangenheit, sondern hilft die Gegenwart deuten. Deshalb ist es für mich ein symbolisches Kreuz.

Also aus meiner Sicht: Es ist ein besonderes Kreuz: Kein senkrechter Balken, kein Querholz, alles ist aufgegliedert, angeordnet. Verschiedene Elemente dessen, was im Neuen Testament von der Kreuzigung erzählt wird, sind aufgenommen und sichtbar gemacht. Starker Anknüpfungspunkt - in der Zeitung stand schon davon zu lesen, und auch im Gespräch mit Herrn Schomerus ist mir das ganz deutlich geworden - senkrecht, in der Mitte, da wo üblicherweise ein Balken ist, ist nichts bzw. ein Riss.

Im Neuen Testament wird erzählt, dass in dem Moment, als Jesus am Kreuz stirbt, der Vorhang im Tempel zerreißt. Wo ein Vorhang zerreißt, wird nicht nur etwas zerstört, sondern positiv gesagt wird der Blick frei auf etwas, das der Vorhang verdeckt hat. In der Sprache des Neuen Testamentes: Der Blick auf das Allerheiligste im jüdischen Tempel in Jerusalem, der Blick auf Gott wird frei. Der Blick auf Gott wird frei in dem gekreuzigten Menschen Jesus, der das Antlitz Gottes trägt. Als der Vorhang zerreißt, wird klar, wer da gekreuzigt wird, und ebenso wen oder was die Menschen repräsentieren, die dabei stehen. Auch das ist in diesem Kreuz eingefangen.

.... unten links eine Gruppe. Sie sitzen da, und einer zeigt auf den Sterbenden am Kreuz, und sie biegen sich vor Lachen. Die Spötter, die Zynischen: "Wenn du Gottes Sohn bist, so hilf dir selbst, steig herab vom Kreuz. Wo ist dein Gott, dass er dir nicht hilft!" Der Spott mit einem unter Schmerzen Sterbenden, mit einem Gefolterten. In wievielen Gefängnissen unserer Tage geschieht immer noch dasselbe, oft mit ungleich verfeinerten Methoden. Die da spotten, die gibt's auch heute noch: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott - Nach uns die Sintflut – Ganz schlimm für mich: Brot für die Welt, die Wurst bleibt hier. - Was gehen mich die anderen an? Ich will mein Leben uneingeschränkt genießen. Das allein zählt. Sie empfinden kein Mitleid, außer vielleicht einmal Selbstmitleid.

Dann etwas weiter: Soldaten, hier mit Speeren bewaffnet, um den Wehrlosen am Kreuz zu bewachen. Sie sind da - wie heute auch - um abzusichern, damit alles seinen gewohnten Gang gehen kann, damit alles geordnet vonstatten geht. Der bittere Witz für sie: Gerade, indem sie ihre Aufgabe erfüllen, befördern sie, was sie verhindern wollen: dass Gottes Geschichte mit dem Menschen Jesus weitergeht.

Die nächste Gruppe, vielleicht bewusst auf der anderen Seite. Der krasse Gegensatz: zwei Frauen, die sich gegenseitig halten. Die Trauernden. Sie trauern um den, der am Kreuz stirbt. Sie trauern um alle Träume, die ihnen mit dem Tod dieses Einen genommen werden. Es sind Frauen, die ihre Trauer zulassen. Sie fühlen mit dem Sterbenden, bleiben in seiner Nähe, wo andere längst geflohen sind. Sie halten die Todesnähe aus, gehen dem Tod nicht aus dem Weg, versuchen das Untragbare auszuhalten und stützen sich dabei gegenseitig. Diese beiden Frauen verbinden die Gegenwart mit dem Kreuz des Künstlers und auch mit dem Kreuz auf Golgatha. Alle Trauer kann sich gehalten wissen von Gott, der selbst um seinen Sohn getrauert hat. Deshalb kann dieses Kreuz auch ein Haltepunkt, ein Anhalt sein für alle, die traurig sind.

Im Mittelpunkt dieses Kreuzes: der Gekreuzigte. Die Arme verrenkt, den Kopf nach unten. "Er neigte sein Haupt und verschied." Er ist tot. Dieser Augenblick ist im gesamten Kreuz festgehalten. Und auch, was dieser Tod bedeutet: Für die einen Hohn und Spott und ein Sicherheitsrisiko, für die anderen Grund abgrundtiefer Trauer. Der Gekreuzigte, der Mensch vor Gott, der Mensch schlechthin wird am Kreuz hingerichtet, grausamste Todesstrafe für Schwerverbrecher damals. Der Mensch, mit dem Gott war, der so neu und einmalig von Gott erzählt hatte von seinem Wohl und Willen, der wird getötet, wie so viele getötet werden, aus dem Weg geräumt von den Machthabern, denen sie zu gefährlich sind.

In dem Moment, so ist es hier dargestellt und so wird es im Neuen Testament erzählt, in dem Moment, als der Tod eintritt, geschieht auch das ganz Andere, das Unvorhersehbare, das, was unserem Verstand verborgen bleibt, von dem Christinnen und Christen aber in ihrem Vertauen zu Gott einen Anfang sehen. Der Strahlenkranz deutet es an: Auferstehung wird wirklich und wahr. Gott hat ein für allemal den Tod überwunden. Auferstehung, das ist das ganz und gar andere und auch erschreckende. An zwei Details hier am Wandrelief wird das deutlich. Damals wird erzählt, dass die Erde erbebt. Hier angedeutet mit den Felssteinen. Die Grundfesten der Erde und aller Werte sind erschüttert. Tod bleibt nicht Tod, sondern kann verwandelt werden in Leben. Nicht die Todesmächte werden den Sieg behalten, sondern die Lebensmächte. Alles Vertrauen, alle Liebe, alle Hoffnung, jeder neue Anfang kann Zeichen der Lebensmächte Gottes sein. Manchmal ist das Neue auch das Erschreckende. Wenn - hier ursprünglich einem Bild aus dem Alten Testament entlehnt, dann im Neuen Testament weitererzählt - wenn sich Gräber öffnen, dann ist das auch erschreckend. Soweit wird es kommen, wenn Gott einmal allen Tod in Leben verwandelt, wie es einmal für allemale geschehen ist.

Etwas habe ich bisher ausgespart, vielleicht das Anstößigste an diesem Kreuz, schwer zu verstehen und zu deuten. Hier in der Mitte sind aufsteigende und fallende Menschen dargestellt. Die Menschen im Zeitalter des Neuen Testamentes hatten es da noch einfacher als wir. Für sie war klar: Auferstehung heißt auch Jüngstes Gericht. Da wird auch ein Urteil über mich gesprochen. Die fallenden Figuren sprechen sogar von Verdammnis. Das aber ist für mich ganz schwierig, trotzdem finde ich es wichtig, dass es in dieser Kreuzesdarstellung nicht verschwiegen wird. Schwierig ist es für mich mit dem Gott in Einklang zu bringen, der seinen verlorenen Sohn mit offenen Armen wieder aufnimmt und ihm alle neuen Möglichkeiten eröffnet, Gnade nennt sich das. Sollte es diese fallende Linie dann eigentlich nicht geben? Wichtig finde ich es trotzdem, dass es dargestellt ist. Sie enthält die gefährliche Erinnerung daran, dass Glaube und Vertrauen in Gott nicht beliebig sind. Ob ich, in welcher Form auch immer, die Wirkungsmacht, die Gott genannt wird, die der Vater Jesu Christi geworden ist, ist im Wortsinn nicht gleichgültig. Mein Leben steht in der Spannung zwischen Gericht und Gnade Gottes. Ich vertraue darauf, dass Gott mich immer wieder mit weit offenen Armen empfangen wird. Weiß aber auch um das andere. So kann ich heute die fallenden und die aufsteigenden Figuren verstehen. Aber es bleibt Bedarf zu weiterem Überlegen.

Zum Schluss:

"Die Grossen der Tora, mit denen du gestritten hast, haben dir Gott und sein Reich nicht auf den Tisch legen können, und auch ich kann es nicht. Aber bedenke: vielleicht ist es wahr."

Rabbi Levi Jitschak von Berditschew.


©   Ev.-luth. Kirchengemeinde "Zum Heiligen Kreuz" Arpke : mail :  kg.arpke@evlka.de obeninhalt